Ein Thomaskantor kam aus Gorsleben

Wer festliche Musik genießen will, für den werden die Darbietungen des Thomanerchores aus Leipzig zum Genuss. Doch kaum jemand weiß, dass die Gemeinde und der Thomanerchor durch einen Thomaskantor verbunden sind. Über 400 Jahre sind vergangen, als 1594 ein neuer Thomaskantor in Leipzig in sein Amt eingeführt wurde, der in Gorsleben geboren und hier seine Jugendzeit verbrachte. In vielen Büchern der Musikgeschichte wird über den Thomaskantor Sethus Calvisius berichtet, der in seiner Leipziger Zeit allerhand in der Musiktheorie veränderte. Sein eigentlicher Name war Seth Kaliwitz. (In Emil Naumanns "Illustrierte Musikgeschichte" von 1928 und in einigen älteren Zeitungen wird der Vorname mit Jakob angegeben). In die Musikgeschichte ging Seth oder Jakob Kaliwitz als Sethus Calvisius ein. Dem Brauch der damaligen Zeit lateinisierte man den Namen.

Seth Kallwitz wurde am 21. Februar 1556 in Gorsleben als Sohn eines Tagelöhners und einer Hebamme geboren, die in ärmlichen Verhältnissen lebten. Als er acht Jahre alt war, starb sein Vater. Mit 14 Jahren sollte Seth das Weberhandwerk erlernen, doch frühzeitig war der Drang zur Wissenschaft erwacht. Der Ortspfarrer in Gorsleben, der ihm wiederholt wissenschaftliche Bücher Iieh, erkannte die Begabungen des Knaben, und so kam er 1570 für drei Jahre in die Lateinschule nach Frankenhausen. Auch hier fand er, nachdem er bedeutende Fortschritte gemacht hatte, Unterstützung. So erhielt Seth nach großen Bemühungen seines Rektors eine Freistelle an der Klosterschule in Magdeburg. Hier lernte er Lateinisch und Griechisch, befasste sich mit Mathematik und Geschichte und gab nebenbei selbst Unterricht. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich der junge Calvisius, indem er mit dem Schulchor singend durch die Straßen und Gassen der Stadt zog. Auch zu Hochzeiten und Begräbnissen trat der Schulchor auf. Nach kurzer Zeit wurde er der Leiter des Chores. Sein Wunsch war jedoch ein Studium an einer Universität. Mit 23 Jahren bekam er die Möglichkeit, ein Studium an der neugegründeten Universität Helmstedt "im Braunschweigischen" aufzunehmen. Die Professoren wurden bald auf den begabten Studenten aufmerksam und baten den Landesherren (Gorsleben gehörte damals zum Kurfürstentum Sachsen) in Dresden um ein Stipendium. Dies wurde bewilligt unter der Bedingung, dass Calvisius sein Studium in Leipzig fortsetzen musste. So kam er 1580 nach Leipzig und studierte hier Theologie, Latein, Griechisch, Mathematik und eifrig Musik, so dass er bereits ein Jahr später als Chorregent der Leipziger Universitätskirche berufen wurde. Sein ausdruckvolles Orgelspiel machte ihn bald allgemein bekannt. Im November 1582 ging Calvisius nach Beendigung seines Studiums auf Empfehlung seiner Professoren als Lehrer und Kantor an die Gelehrtenschule nach Pforta. Hier betrieb er u. a. historische Studien und beschäftigte sich fernerhin mit Mathematik und Astronomie, gab lateinische Wörterbücher heraus, machte durch eigene Berechnungen begründete Verbesserungsvorschläge zum herausgegebenen Kalender des Papstes Gregor XIII. und erneuerte den Musikunterricht nach eigenen Gedanken. Im Jahre 1594 folgte er dem Ruf als Kantor an die Thomasschule nach Leipzig, um die Leitung des Thomaschores zu übernehmen. Gleichzeitig wurde er Musikdirektor der beiden Hauptkirchen, der Thomas- und der Nikolaikirche. Sethus Calvisius legte den Grundstein zum weltberühmten Thomanerchor. Einer seiner Nachfolger war etwa 150 Jahre später Johann Sebastian Bach. In seiner Zeit als Thomaskantor wurde Sethus Calvisius Schöpfer vieler Lieder. Zu seinen bedeutensten Arbeiten gehört das Sammelwerk "Kirchengesänge und geistliche Lieder Dr. Lutheri und anderer frommer Christen...". Seine Kompositionen dienten teils pädagogischen Zwecken, teils befassten sie sich mit kirchlicher Vokalmusik. Seine mehrstimmigen und ausdrucksvollen Motetten (gegliederter, mehrstimmiger Chorgesang) sind Kunstwerke der deutschen Barockmusik. Er schrieb grundlegende und reformfreudige Werke zur Musiktheorie, insbesondere zur Harmonielehre und setzte sich für die Vereinfachung der Notenschrift ein.

Mancher "alte Zopf' wurde von ihm "in der Lehre von Takt und Mensur" (Maß, das die Geltungsdauer der einzelnen Notenwerke untereinander bestimmt) beseitigt. Die Melodieführung im Lied verlegte er vom Tenor in den Sopran. Viele von ihm bearbeitete Psalmen, Motetten und Hymnen befinden sich noch heute in der Bibliothek der Thomasschule in Leipzig. Von seinen theoretischen Werken ist besonders "Die Kunst, ein Lied in Noten zu setzen" zu erwähnen. Sethus Calvisius schrieb auch ein umfangreiches Geschichtswerk (Opus chronologium), das mehrmals nachgedruckt wurde und das seinen Briefwechsel mit dem Schöpfer der Gesetze der Astronomie, Johannes Keppler enthält. Mehrere Berufungen als Professor für Mathematik an die Universitäten Frankfurt/Oder und Wittenberg schlug er aus. Er blieb seiner Musik und Leipzig treu. Hier starb er am 24. November 1615. Ein Leben für die Musik und die Wissenschaft ging zu Ende. Zwei Jahre vor seinem Tode schenkte Calvisius als sichtbaren Ausdruck seiner Dankbarkeit gegenüber seinem Heimatort Gorsleben einen Band von Dr. Martin Luthers Werken der Gorslebener Kirche. Seine persönliche Widmung darin lautet: "Sethus Calvisius schenkt und verehrt seinem Heimatort diesen Band von Luthers Werken zur Vervollständigung oder Ergänzung der übrigen sieben am 8. Februar 1613". Er hielt somit noch bis kurz vor seinem Tode die Verbindung zu seinem Geburtsort aufrecht. Geburtshaus von Sethus Calvisius.(Aufnahme von 1997)Auf einem Bild von Sethus Calvisius, das die Stadt Leipzig der Gemeinde Gorsleben nach seinem Tode schenkte, stand in lateinischer Schrift :"Sethus Calvisius, ein sehr berühmter Mann, von dem Gorsleben mit Recht sich rühmen kann, dass er an diesem Ort der Welt geboren ist. Chronologie, Musik und Dichtkunst liebt er, war vor gelehrter Welt in Ansehn und in Ehr, drum hat auch Leipzig ihn nicht ohne Schmerzen verloren. Geboren 1556, gestorben 1615".

Bis 1819 hing ein in Öl gemaltes Bild Sethus Calvisius in der Kirche. Doch es fiel dem "Moder und Motten" zum Opfer. Eine vom Maler Beck aus Kölleda 1819 angefertigte Kopie zerfiel 1875 in Stücke. Im Jahre 1895 erhielt die Gemeinde erneut ein Bild Sethus Calvisius als Geschenk der Thomasschule Leipzig, das zuerst im Altarraum und 1912 an der Orgelempore angebracht wurde. Am 8. Dezember 1929 wurde ein Calvisius-Konzert vom Singechor des Reformrealgymnasiums Frankenhausen, dessen Schüler er einst selbst war, in der Gorslebener Kirche veranstaltet. An seinem 375. Geburtstag (1931) war ein Calvisius-Konzert mit dem Thomanerchor in Gorsleben vorgesehen. Doch es scheiterte an den Kosten. Zu seinem 400. Geburtstag, am 21. Februar 1956, fand eine Feierstunde auf dem Schenksaal statt. Zu dieser Festveranstaltung, die der damalige Volkschor eröffnete, kamen viele Einwohner Gorslebens und Heimatfreunde der Umgebung. So erfuhren die Anwesenden den Lebensweg des Gorslebener Bürgers Seth Kallwitz. Um den Besuchern einen kleinen Einblick in seine Musik zu geben, sang der Volkschor einen vierstimmigen Choral aus seinem Schaffen. Die Thomaskantorei in Leipzig überreichte aus Anlass des 400. Geburtstages zum dritten Mal ein Bildnis (Fotokopie) Sethus Calvisius, das laut damaligen Ortschronisten "einen würdigen Platz in der künftigen Heimatstube" erhalten sollte. Zu dieser Heimatstube kam es jedoch nie. Heute noch erinnert am Geburtshaus Sethus Calvisius, Schafgasse 129, eine Tafel im Februar 1956 angebracht - an den großen Sohn der Gemeinde. Ein vorgesehenes Chorkonzert anlässlich der 1225-Jahrfeier der Gemeinde im Juli 1997 scheiterte an den Kosten und an den geeigneten Räumlichkeiten für den Klangkörper.