Der "Tod von Gorsleben" bundesweit bekannt

Viele Betrachter des riesigen, mehrstöckigen Fachwerkgebäudes von 1620 im Unterdorf der Gemeinde, das als Schieferhof in die Ortsgeschichte eingegangen ist, stehen staunend auch unmittelbar daneben vor der Darstellung über der Eingangspforte zum Friedhof. Der "Tod von Gorsleben" als Gerippe in Stein gemeißelt, in den Händen eine Sense haltend, ist hier dargestellt. Um das furchterregende Gebilde sind Zahlen angeordnet. Die Sense hat der Tod so in der Hand, dass sie nach dem Stand der Sonne mit ihrem Schatten die Stunden anzeigt. Das Ganze stellt eine Sonnenuhr dar. Unter dem Gebilde steht ein Spruch in lateinischer Schrift, der in der Übersetzung lautet: "Denke daran, dass irgend eine Stunde die letzte für dich ist". Auf der linken Seite der zweiseitigen Darstellung befindet sich die Aufschrift in deutscher Schrift: "Unsere Lebenszeit verfleucht, wie ein schneller Schatten weicht" und darüber die Jahreszahl 1698. Damit feierte der "Tod von Gorsleben" 1998 seinen 300. Geburtstag. Viele im Ort kennen das Gebilde auch als den "Sensenmann". Übrigens auch die Symbolfigur für den Gorslebener Karnevalsclub "Blau-Gold", die zu keiner Veranstaltung fehlt. Vier Sonnenuhren sind in der Gemeinde zu finden, doch im Vordergrund des Interesses der Besucher steht der "Tod von Gorsleben". Jeder, der den Friedhof oder die Bonifatiuskirche besuchen will, muss unter dem grausigen Gebilde mit den mahnenden Sprüchen durch die Friedhofspforte eintreten. Doch wie ist der "Tod von Gorsleben" entstanden? Laut Carl Wilhelm Kirchheim, der die Gorslebener Chronik 1825 schrieb, ist der "Tod von Gorsleben" auf den damaligen Pastor der Gemeinde, Christian Webel, zurückzuführen. Webel wurde am 14. Dezember 1654 in Nemsdorf bei Querfurt geboren. Er besuchte das Gymnasium in Weißenfels und studierte anschließend an der Universität in Leipzig. Am 24. April 1683 wurde er als Rektor an der Lyzealschule in Querfurt eingeführt. Diese Schule unterwies ihre Zöglinge in lateinischer Grammatik und in den Grundlagen der Wissenschaft. Christian Webel war sehr vielseitig begabt. Er schrieb historische Schriften über Querfurt, über seinen Geburtsort Nemsdorf, später auch über Gorsleben und verfasste Gutachten über das Münzrecht des Fürstentums. Bereits an der Querfurter Schule ließ er eine steinerne Sonnenuhr anbringen, die "gegen Mittag so viele Totenköpfe als Stunden zu sehen" hatte. Am 27. September 1693 wurde Christian Webel Pastor in Gorsleben. Er brachte, als er seine neue Stelle in Gorsleben antrat, seine Frau und fünf Kinder mit. Bereits drei Monate später, wenige Tage vor dem Weihnachtsfest, starb seine Frau im Alter von 28 Jahren. Täglich, wenn Pastor Christian Webel zur Kirche ging, musste er durch die Eingangspforte des Friedhofes an den Gräberreihen auch an dem Grab seiner Frau vorbei. Dies gab ihm anscheinend den Anstoß, vom Gorslebener Steinmetz Andreas Borns den Gevatter Tod mit der Sense als Sonnenuhr über der Eingangspforte anbringen zu lassen.

 

Der gleiche Gorslebener Steinmetz schuf auch ein Denkmal für Webels Frau. Der Grabstein mit dem Gesicht der Frau ist heute noch an einem Pfeiler der Bonifatius-Kirche- Denkmal von Webels Frauvon vielen kaum beachtet befestigt. 1695 zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau heiratete Webel die Tochter des Hausverwalters Francke vom Schloss Heldrungen. Seine zweite Frau Martha Sophie gebar ihm noch sieben Kinder, vier Jungen und drei Mädchen. Die drei Mädchen starben als Kinder in der Zeit vom 12. bis 16. März 1703 an einem "katharralischen Brustfieber" mit heftigem Husten. Weder der Arzt aus Kindelbrück noch der aus Frankenhausen hatte mit seinen Arzneimitteln helfen können. So hielt der "Sensenmann" eine "reiche Ernte" in der Familie des Pastors Christian Webel. Webel starb 1721 und wurde auf eigenen Wunsch in der Kirchengruft im Chorraum "seiner Kirche" beigesetzt.